01.12.2006 Junge Welt
»Wir sollen eigene Rechte beschneiden«
Griechische Regierung will Demonstrationen einschränken. Immer
häufiger Polizeigewalt. Ein Gespräch mit Dimitris Kaltsonis
* Dimitris Kaltsonis ist Sprecher des Demokratischen
Bündnisses für Freiheiten und Solidarität und Lektor
für Staatsrechtstheorie an der Athener Universität Panteion
Die griechische Regierung hat zum Dialog eingeladen. Seit
Mitte dieser Woche berät sie mit Interessierten über eine
Änderung des Demonstrationsrechtes. Was wird diskutiert?
Dieser sogenannte Dialog ist eine Provokation. Die Regierung lädt
die Vertreter der Massenbewegungen ein, um sich mit ihnen auf die Einschränkung
der Meinungsfreiheit und des Demonstrationsrechts zu einigen. Wir sollen
unsere eigenen Rechte beschneiden. Es geht zum Beispiel darum, daß
kleinere Demonstrationen, bis 500 Personen, sich auf die Nutzung einer
Fahrspur beschränken sollen. Demonstrationen sollen zudem generell
angemeldet werden. Eine solche Verpflichtung gab es bisher in Griechenland
nicht.
Begründet werden die geplanten Einschränkungen
mit Verkehrschaos und Einnahmeverlusten der Ladeninhaber durch
Demonstrationen. Ist da etwas dran?
Es ist absurd, das tägliche Verkehrschaos in Athen Demonstranten
anzulasten. Dafür sind im Grunde alle Regierungen nach 1945 verantwortlich,
die ein wildes Wachsen der Stadt ohne jeden Bebauungsplan toleriert
und den Individualverkehr gegenüber dem öffentlichen Nahverkehr
begünstigt haben. Selbst ein ehemaliger Minister für öffentliche
Ordnung der PASOK hat zugegeben, daß häufig die Polizei durch
ihre unverhältnismäßig weitläufigen Absperrungen
bei Protesten den Verkehr lahmlegt.
Daß während großer Demonstrationen weniger
gekauft wird, mag sein. Aber das ist doch nicht das eigentliche Problem.
Wenn der Einzelhandel geringere Umsätze erzielt, liegt das daran,
daß die Menschen wegen der volksfeindlichen Politik der Regierung
weniger Geld zur Verfügung haben. Die Ladenbesitzer sollten sich
freuen, wenn beispielsweise die Gewerkschaften für mehr Lohn und
besseren Lebensstandard auf die Straße gehen.
Die linken Parteien KKE und Synaspismos aber auch die
sozialdemokratische PASOK nehmen am Dialog mit der Regierung nicht teil.
Diskutiert die Regierung der Nea Dimokratia mit sich selbst?
Zustimmung findet die Regierung wie nicht anders zu erwarten bei den
Vertretern der rechtskonservativen Partei LAOS. Bemerkenswert ist allerdings
die Ablehnung der ehemaligen Regierungspartei PASOK. Der Versuch, das
Demonstrationsrecht einzuschränken, ist nicht neu. PASOK hatte
bereits vor Jahren einen ganz ähnlichen Gesetzentwurf vorgelegt.
Über ihn wurde aber aufgrund von Protesten nie abgestimmt.
Im Vorfeld großer Demonstrationen werden immer häufiger
junge Leute festgenommen. Außerdem mischen sich Polizeibeamte
in Zivil unter die Protestierenden. Sind das Einzelfälle?
Im Gegenteil. Diese Polizeitaktik wird bei Großdemonstrationen
häufig angewandt. Mit den Festnahmen im Vorfeld sollen Leute eingeschüchtert
und von der Teilnahme an Demonstrationen und Kundgebungen abgehalten
werden. Der häufige Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken
hat das gleiche Ziel. Auch der Einsatz von Undercover-Polizisten ist
keine Seltenheit. In den Medien wird immer wieder über Beamte berichtet,
die nicht nur in den Reihen der Demonstranten verdeckt ermitteln, sondern
als Provokateure selbst Straftaten begehen. Leider wird diese Vorgehensweise
politisch toleriert, wenn nicht sogar gefördert. Nur fünf
Prozent der gegen Polizisten eingeleiteten Untersuchungsverfahren enden
mit einer Strafe. Und diese reichte in der Regel von einer Rüge
bis zu einem Bußgeld von 60 Euro.
Ihr Bündnis hat vor dem Staatsgerichtshof ein Verfahren
angestrengt, um den Einsatz der für die Olympischen Spiele installierten
Überwachungskameras zu stoppen. Was ist daraus geworden?
Wir haben eine Reihe von Fakten zusammengetragen, die zeigen, daß
die Kameras, entgegen dem Beschluß der Datenschutzbehörde
nach wie vor zur Überwachung des öffentlichen Raumes und auch
bei Kundgebungen eingesetzt werden. Es geht nicht um Verkehrsbeobachtung,
wie die Polizei behauptet. Unter einem Vorwand wurde die für den
heutigen Freitag angesetzte Gerichtsverhandlung zum wiederholten Male
verschoben. Bis zu einer Entscheidung wird die Polizei fortfahren, die
Kameras einzusetzen, wie sie will.