26.06.2006 Junge Welt
Angriff auf die Bildung

Hochschulreform in Griechenland: Massive Proteste gegen geplante Verfassungsänderung

Seit fast zwei Monaten wehren sich die Studenten in Griechenland gegen die geplante Bildungsreform. Jeden Donnerstag protestieren allein in der Landeshauptstadt mehr als zehntausend Studierende auf den Straßen gegen »die absolute Unterordnung der Bildung unter die Interessen des Kapitals«. Am Donnerstag wurden die konkreten Inhalte der »Reform« bekannt.
Privat statt öffentlich
Bisher gab es keine zeitliche Begrenzung für ein Studium in Griechenland. »Die nun vorgesehene Höchstgrenze von zwei Jahren über der Regelstudienzeit wird massenweise Abitu­rienten am Studieren hindern«, erklärt der Sprecher der Studierendenfraktion PKS des kommunistischen Jugendverbandes KNE, Giorgos Georgiadis. »Betroffen davon sind natürlich in erster Linie Kinder aus Arbeiterfamilien, die sich ihr Studium selbst verdienen müssen.« Eine staatliche Förderung für schwächer gestellte Studierende gibt es in Griechenland nicht.

Auch die Lehrmittelfreiheit hat das Gesetz im Visier. In Zukunft soll nur noch ein Skript pro Vorlesungsreihe kostenlos zur Verfügung stehen. Mensen und Studierendenwohnheime will man in Zukunft privaten Betreibern öffnen. Professoren und Studierende fordern dagegen seit Jahren die Aufstockung der Mittel für die chronisch unterfinanzierten Universitäten.

Erklärtes weiterreichendes Ziel der Regierung ist die Abschaffung des in der Verfassung festgeschriebenen staat­lichen Bildungsmonopols. In Zusammenarbeit mit der sozialdemokrati­schen PASOK soll dazu Artikel 16 der Verfassung geändert werden, um die EU-weit forcierte Gleichstellung von Abschlüssen privater Institute mit staatlichen Hochschuldiplomen zu ermöglichen.
Im Dauerstreit
Die geplante Einführung privater Hochschulen in Verbindung mit der Ankündigung des neuen Hochschulgesetzes sorgten für einen allgemeinen Aufstand an den griechischen Hochschulen. Seit Ende Mai sind die Professoren im Dauerstreik, die Studierenden halten – geschützt durch das Hochschulasyl – mittlerweile mehr als 400 Universitätsinstitute besetzt.

Gegen die ebenfalls in der Geset­zesvorlage vorgesehene Aufweichung des Hochschulasyls laufen nicht nur die Studierenden Sturm. Auch der Rektor einer Hochschule, aus der heraus sich immer wieder Anarchisten mit Polizisten stundenlange Schlachten mit Molotow-Brandsätzen, Steinen und Tränengas liefern, verteidigt das Hochschulasyl als unabdingbar für studentischen Widerstand. Andreas Andreopoulos, Leiter der berühmten Athener Universität Polytechneion, wandte sich öffentlich scharf gegen Pläne, die Polizei ohne Zustimmung der Studie­renden auf den Campus zu lassen. Die Universität wurde am 17. November 1973 während der griechischen Mi­litärjunta (1967–1974) Schauplatz eines blutigen Massakers, als die Panzer der Diktatur einen Aufstand von Studierenden niederwalzten.

Voraussichtlich einmal noch wird es im Juni eine Großdemonstration der Studierenden geben. Am 27. und 28. Juni tagt in Athen der Rat der Bildungsminister der OECD-Staaten. An diesen Tagen wollen die Streikenden ein weiteres Mal lautstark ihre Forde­rung nach allgemeiner und kostenfreier staatlicher Bildung für alle erheben.