Studi-Revolte in Griechenland.
Was steckt dahinter und was kümmert uns das?
Am 20. Februar wurde der Berliner Timo B. im griechischen
Thessaloniki am Rande eines studentischen Konzertes wegen Landfriedensbruch
u.a. inhaftiert und ist seit dem in Untersuchungshaft. Für uns
Grund genug, um genauer auf den Kontext seiner Festnahme zu schauen:
In Griechenland soll das staatliche Bildungsmonopol per Verfassungsänderung
abgeschafft und das Land für den EU-Bildungswettbewerb fittgemacht
werden.
Spätestens seit dem 8. März ist es auch hier
angekommen, dass die Reformierung der öffentlichen Bildung in Griechenland
zu einer starken Polarisierung der Gesellschaft führt. Die europäischen
Medien waren voll mit Studierenden, die sich mit Stöcken bewaffnet,
zu Zehntausenden vor dem Parlamentsgebäude in Athen gegen die prügelnde
und Chemikalienversprühende Polizei zur Wehr setzten. Wir hörten
von Massenverhaftungen, sahen die stark blutenden Verwundeten und wurden
an die faschistische Diktatur in Griechenland, die 1974 nach Studierendenaufständen
beendet wurde, erinnert. Zwei Tage später war für die nicht-griechischen
Medien scheinbar wieder alles vorbei und um an neue Informationen zu
gelangen war mensch auf alternative Organe wie Indymedia angewiesen.
Doch wie kam es überhaupt zu diesen Auseinandersetzung?
Der Ausverkauf der Bildung
Im Juni 2006 wurde bekannt, dass die konservative Regierungspartei Nea
Dimokratia (Neue Demokratie) zusammen mit der sozialdemokratischen Oppositionspartei
PASOK den Verfassungsartikel 16 abschaffen und ein neues Hochschulrahmengesetz
verabschieden will. Der Artikel 16 schreibt vor, dass die Ausbildung
Universitäten in öffentlicher Hand liegen und kostenlos sein
muss. Dies verhindert die Annerkennung von Privatunis als Bildungseinrichtungen
und macht deren Abschlüsse, zumindest in Griechenland, wertlos.
Die griechische Regierung will mit der Abschaffung dieses Aktikels der
im Lissabon Prozess im Jahr 2000 geplanten EU-weiten Angleichung der
Bildungsabschlüsse und Anpassung der Bildung an die Erfordernisse
der Wirtschaft, gerecht werden. Die KritikerInnen befürchten den
Statusverlust der unterfinanzierten staatlichen Hochschulen bzw. deren
Abschlüsse, wenn sie mit hochdotierten Privatunis konkurrieren
müssen. Jedem Unternehmen stünde es dann frei, sich durch
Einmischung in die Lehre maßgeschneiderte Arbeitskräfte zu
erziehen, während allgemein ausgebildete AkademikerInnen in den
Niedriglohnsektor abgeschoben würden.
Die Verfassungsänderung soll auch ein neues Hochschulgesetz in
Griechenland voranbringen, dessen Inhalte eine klare Sprache sprechen:
Senkung der Studierendenzahlen, Schließung von „unrentablen“
Fakultäten, Befriedung von Bildungsstreiks.
Die Änderungen im Detail: 1. Die Studienzeit wird auf die zweifache
Regelstudienzeit begrenzt – danach folgt die Zwangsexmatrikulation.
Da es in Griechenland kein BAFöG gibt, wird diese Frist sozialschwache
daran hindern zu studieren, da sie nebenbei arbeiten müssen und
daher länger brauchen. 2. Die Lehrmittelfreiheit wird abgeschafft
– Literatur und Seminarbedarf ist selbst zu finanzieren. 3. Verbot
der doppelten Prüfungsperiode. Falls Studierende an Prüfungen
aufgrund von Streiks nicht teilnehmen konnten, bestand bisher die Möglichkeit
die Prüfungen im nächsten Semester nachzuholen. 4. Das absolute
Hochlschulasyl wird abgeschafft. Dieses ist eine griechische Besonderheit,
das es der Polizei erst gestattet das Unigelände zu betreten, wenn
ein Gremium aus HochschulleiterIn, ProfessorInnen und Studierenden einstimmig
das Ok gibt. Die Regierung will die 1974, nach den Erfahrungen des Studierendenaufstandes
gegen die faschistische Obristen-Junta, erlassene Regelung aufheben,
um Besetzungen der Institute, wie sie während der Streiks üblich
sind, von der Polizei räumen zu lassen. 5. Einsetzung von sog.
HochschulmanagerInnen, welche die Erfüllung der neuen Listungskriterien
kontrollieren und auch über die Mittelvergabe entscheiden.
Die GegnerInnen der Reform fordern stattdessen eine bessere Ausstattung
der Schulen und Unis, sowie eine bessere Besoldung der Lehrkräfte.
Statt der 3% des Brutto-Sozialprodukts sollten mindestens 5% in die
Bildung fließen. Nicht der Unwille der Lernenden sei für
den schlechten Stand der öffentlichen Bildung verantwortlich sondern
der geringe Bildungsetat, die Regulationswut des Bildungsministeriums,
welches eine akademische Selbstverwaltung unmöglich macht und das
Fehlen eines BAFöG oder Stipendiensystems. De facto ist die Bildung
in Griechenland schon privatisiert, da sich aufgrund der schlechten
Ausbildungsbedingungen eine privatwirtschaftliche Nachhilfeindustrie
etabliert hat, ohne die selbst das Abitur für die meisten unerreichbar
ist. Letztlich sind sich in Griechenland alle darüber einig, dass
sich daran etwas ändern muss. Nur wer es bezahlen soll (Studierende
oder Staat) und wem es nützen soll (Studierende oder Markt), ist
mehr als strittig.
Die Protestbewegung
Gegen die Verfassungsänderung und das neue Hochschulgesetz gingen
seit Juni 2006 wöchentlich landesweit Zehntausende Studierende
und HochschullehrerInnen auf die Straße, besetzten 90% aller Fakultäten
und lieferten sich regelmäßig Straßenschlachten mit
der Polizei. Organisiert werden die Besetzungen und Großdemonstrationen
von den jeweiligen Studierendenparlamenten und Vollversammlungen. Überregional
hat sich die „Initiative für den Artikel 16“ gegründet,
die alle beteiligten Organisationen miteinander vernetzt.
Dem Bildungsstreik schlossen sich im September die Verbände der
GrundschullehrerInnen (DOE) und der LehrerInnen an höheren Schulen
(OLME) mit einem fünfwöchigen Streik an und die öffentliche
Bildung kam für ein Semester quasi zum Erliegen. Die bevorstehenden
Regionalwahlen und befürchtete Ausschreitungen zum Jahrestag des
Studierendenaufstandes gegen die faschistische Diktatur am 17. November,
veranlassten die Regierung dazu die Bildungsreform bis zum Januar 2007
zu vertagen.
Wie zu erwarten begannen die Proteste Anfang des Jahres erneut, und
wieder kam es flächendeckend zu Besetzungen und Massendemonstrationen.
Diesmal allerdings gab es auch kritische Stimmen, die aufgrund der Nachteile
im Studium gegen den weiteren Protest aufriefen und die Staatsraison
wegen der andauernden Straßenschlachten in Gefahr sahen. Die regierungsfreundliche
Studierendenorganisation DAP versuchte sogar Institutsbesetzungen selbst
gewalttätig aufzulösen.
Dennoch, der Druck auf die sozialdemokratische Partei PASOK, der Verfassungsänderung
nicht zuzustimmen, wuchs, da der eigene Jugendverband der Parteiführung
mit Konsequenzen drohte. Durch das Nein der PASOK zur Abschaffung des
Artikel 16 am 8. März, kam die nötige 2/3 Mehrheit im Parlament
nicht zustande. Die Bildung bleibt unter staatlicher Kontrolle –
die Verfassungsänderung ist zunächst bis zur Parlamentswahl
2008 vom Tisch. Das neue Hochschulrahmengesetz mit den oben beschriebenen
weitreichenden Folgen, wurde dennoch von der Regierung im Alleingang
am 8. März verabschiedet, da hierfür nur die absolute Mehrheit
von Nöten war. In den Debattenpausen konnten die Abgeordneten die
Tumulte vor dem Parlamentsgebäude beobachten, die auch international
für Aufmerksamkeit sorgten.
Linke Abgeordnete und der Verband der HochullehrerInnen POSDEP wiesen
nach der Verabschiedung des Hochschulgesetzes darauf hin, dass dieses
in der Praxis an den Hochschulen und durch massenhafte Verweigerung
niemals in Kraft treten würde und letztlich wieder zurückgenommen
werden müsse. Der Bildungsprotest geht also weiter. Ermöglicht
wird dies auch durch die Weigerung der Professorengewerkschaft mit der
Polizei zusammenzuarbeiten und Gebiete auf den Campus zu benennen, wo
sie eingreifen darf – das Hochschulasyl bleibt also trotz anderslautender
Gesetze bestehen.
Ende April wurde von den meisten Streikenden entschieden, weiter zu
studieren, Prüfungen nachzuholen und neue Kraft zu tanken. Die
wöchentlichen Demonstrationen, immer Donnerstags, gehen allerdings
weiter.
Die staatliche Repression
Je breiter eine Protestbewegung desto breiter werden auch die staatlichen
Maßnahmen zur Einschränkung derselbigen verhandelt. JournalistInnenverbände,
Gewerkschaften, Massenmedien, Prominente und PolitikerInnen klinken
sich auch in Griechenland immer wieder in den Streit um die öffentliche
Bildung mit ein und thematisieren die übertriebenen Reaktionen
des Staates. Aber auch die Bewegung selbst lässt sich nicht so
einfach mundtot machen. Neben der breit akzeptierten Gewaltanwendung
gegen SchlägerInnen in Uniform, wird den Betroffenen staatlicher
Repression besondere Solidarität entgegengebracht. Traditionell
wird nach einer Festnahme das zuständige Revier per Demonstration
besucht. Nachdem am 8. März 49 ProtestiererInnen inhaftiert wurden,
belagerten Eltern und Studierende solange das Gefängnis bis sie
wieder freigelassen wurden. Auch zu den folgenden Strafverfahren wird
mobilisiert und es entstehen Tumulte in den sonst Ehrfurcht einjagenden
Gängen der Gerichte. Während in Griechenland die Bildungsproteste
und Solidaritätsarbeit für die Inhaftierten der Bewegung auch
weiterhin große Kreise ziehen, scheint für den Rest Europas
die Situation in Griechenland kein Thema mehr. Dieser Artikel konnte
beispielsweise nur mit Hilfe griechischer AugenzeugInnen zu Stande kommmen.
Unistreik International betreut den Fall des Berliners
Timo B., der bereits im Februar am Rande eines studentisch organisierten
Protestkonzertes in Thessaloniki inhaftiert wurde. Trotz erheblicher
Zweifel an den belastenden Aussagen der Polizeizeugen kann er von der
griechischen Justiz bis zu seinem Prozess, maximal 18 Monate lang festgehalten
werden. Auch hier regt sich Protest: Es gab bereits mehrere Solidaritätsaktionen
in Griechenland (beispielsweise wurde ein Platz für ihn besetzt)
und in Berlin für ihn. Achtet auf weitere und werdet selbst aktiv!
Beteiligungsmöglichkeiten und neueste Informationen unter: http://unistreik.does.it