Out of Dahlem 01/2009
»WERFT KEIN TRANENGAS NACH UNS, WIR WEINEN
SCHON.«
Zitat aus dem Brief der Freundinnen von Alexis Grigoropoulos zu seiner
Beerdigung.
Zur Revolte in Griechenland
Nach dem Mord an dem isiährigen Schüler Alexis erheben sich
Studierende und Schülerinnen in ganz Griechenland. Sie antworten
der Polizeigewalt mit Demonstrationen, Streiks und Barrikaden. Seit
Dezember 2008 sind über 6oo Schulen und Universitäten besetzt.
Während in deutschen Medien brennende Autos und fliegende Steine
aus jeder erdenklichen Perspektive gezeigt werden, geraten die Hintergründe
der Revolte aus dem Blickfeld.
Kürzungen, Privatisierungen und damit Bildungsabbau
in staatlichen Einrichtungen, wie Schulen und Universitäten, sind
seit Jahren Thema in Deutschland. Unter dem Deckmantel von Bildungsreform
und Angleichungen an EU-Standards werden Studiengänge beendet,
Bibliotheken geschlossen und die Zahl der Studienplätze gesenkt.
Neben dem Abbau der staatlichen Einrichtungen wächst die Zahl der
privaten Schulen. Oft sind Jugendliche gezwungen, private Institutionen
zu besuchen, um bestimmte Ausbildungen zu erlernen, da die privaten
Angebote teilweise auch die einzigen sind.
Klingt ganz nach deutschem Bildungsdilemma. Aber auch in Griechenland
ist die Situation angespannt. Kleiner Unterschied zu Deutschland - der
Protest. Auslöser war ein Mord: An einem Samstagabend, dem 6.12.2008
wurde der 15-jährige Schüler Alexis Grigoropoulos von einem
Polizisten auf offener Straße in Athen erschossen. Noch in der
gleichen Nacht begannen landesweit Demonstrationen und somit auch Auseinandersetzungen
mit der Polizei.
Griechischen Medienberichten zufolge hatte die Polizei am frühen
Montagabend die Lage im Zentrum von Athen nicht mehr unter ihrer Kontrolle.
Tausende Demonstrantinnen waren die dritte Nacht in Folge auf der Straße.
Große Läden, Banken und andere kommerzielle Einrichtungen
wurden angezündet und der Sachschaden lag zu der Zeit unbestätigten
Angaben zufolge bereits bei mehr als 50 Millionen Euro.
In allen Städten kam es zu Aktionen. Am Montag beschlossen zehntausende
Studierende und Schülerinnen nicht mehr in die Lehreinrichtungen
und stattdessen auf die Straße zu gehen. Auf ihren Demonstrationen
tönten Rufe wie »Bullen, Schweine, Mörder«. Sie
liefen zu den ortsansässigen Polizeiwachen und griffen diese mit
Stöcken und Steinen an. Der zuständige Minister beschloss
daraufhin, ab Dienstag die Schulen und Universitäten geschlossen
zu halten.
Am Dienstag, dem 9. Dezember befanden sich mehrere tausend Menschen
auf dem Friedhof bei Athen zur Beisetzung von Alexis. Dabei kam es wieder
zu Auseinandersetzungen zwischen ca. 150 Schülerinnen und der Polizei,
die Gasgranaten in die Beisetzung-Gesellschaft schoss. Auch in anderen
griechischen Städten gab es Proteste. Nach einer Demonstration
von Studentinnen und Schülerinnen besetzten mehrere Hundert von
ihnen in Patras (die drittgrößte Stadt Griechenlands) das
Hauptquartier der Polizei und das Stadtzentrum. Am späten Abend
versuchten sowohl Polizeieinheiten als auch Neonazis die Besetzerlnnen
anzugreifen.
Es wurden Forderungen nach dem Rücktritt der Regierung laut. Am
Mittwoch gab es einen Generalstreik aller Gewerkschaften, der schon
seit längerem geplant war und nun mit den Ereignissen zusammenfiel.
Auf einer Kundgebung in Athen anlässlich dieses Generalstreiks
versammelten sich mehr als 1o.ooo Menschen. Der internationale Flughafen
von Athen hatte seinen Betrieb eingestellt und Schulen, Universitäten
und Krankenhäuser blieben geschlossen.
Die Demonstrationen und Ausschreitungen dauerten an und die Regierung
zog die Möglichkeit eines Militäreinsatzes in Erwägung.
Die Städte waren neblig vom Gas, das von der Polizei verschossen
wurde, um die Demonstrationen auseinander zu treiben. Das von der griechischen
Polizei benutzte Gas besteht aus einem Gemisch aus CS-Gas (Tränengas)
und CN-Gas (löst ein Gefühl aus, als seien die Atemwege komplett
verschlossen, was Panikreaktionen bei den Betroffenen zur Folge hat).
Vor den Weihnachtsferien gab es mehr als 200 festgenommene und 70 verletzte
Personen seit Beginn der Proteste. Kommerzielle Einkaufsmeilen sind
vielerorts komplett geplündert, zerstört und angezündet
worden. Die Straßen waren schlecht befahrbar, da viele Barrikaden
die Wege versperrten. Busse fielen aus und Geschäfte, die noch
bestanden, schlossen die Rollläden, sobald Demonstrationszüge
die Straße passierten. Eine Woche nach Ausbruch der Revolte waren
bereits über 600 Schulen und Universitäten besetzt. Immer
wieder wurden Rathäuser und Radio- und Fernsehsender besetzt und
dann von dort aus live gesendet, um der Medienpropaganda entgegen zu
wirken.
Wie aber konnte der Zorn über den Tod eines Mitschülers
solch ein Ausmaß erreichen? Was trieb die Studierenden und Schülerinnen
an, sich so massiv in Form von Besetzungen und Demonstrationen zu äußern?
Neoliberale Bildungsreformen - auch in Griechenland
Im Rahmen der Bildungsreform des Jahres 2000 (Gesetz N. 2525/97), wurde
ein neuer Schultyp, das Lyzeum, eingeleitet. Das »Lycio«
ist freiwillig und dauert 3 Jahre. Ziel dieser Reform war die Förderung
des Allgemeinwissens der Schülerinnen sowie die Veränderung
des Zulassungssystems für die Hochschulen. Die Absolventinnen des
Lyzeums erhalten das »Apolytirion«, das griechische Reifezeugnis,
und können damit seit dem Jahre 2000 ohne Aufnahmeprüfungen
einen Studienplatz an den Universitäten und Hochschulen des Landes
bekommen. Die Pflichtdauer des Schulbesuches besteht somit aus sechs
Jahren Grundschule und drei Jahren Gymnasio (Sekundarstufe 1). Daran
können dann weitere drei Jahre Lycio (Sekundarstufe 11) angehängt
werden, an die dann ein Studium folgen kann.
Auch die Lehrkräfte sind von den Kürzungen betroffen: Ein/e
Sekundarstufenlehrerln verdient mit mehrjähriger Berufserfahrung
durchschnittlich 700,- € pro Monat und ein/e Schuldirektorin um
die 1ooo,-€. Zudem hat die griechische Regierung eine Reihe von
Reformen angeschoben, um die Universitäten zu modernisieren. Im
Klartext heißt das: Privatisierung und kürzere Studiendauer.
2005 verabschiedete das griechische Parlament ein Gesetzespaket, zu
dem unter anderem die Einführung eines zweistufigen Studienabschlusses
gehört, welcher nach drei Jahren das Diplom und in weiteren zwei
Jahren die Spezialisierung vorsieht sowie die Festlegung einer maximalen
Studiendauer. Auch werden erstmals private Universitäten zugelassen
und die Lehrmittelfreiheit soll noch weiter eingeschränkt werden.
Alles Änderungen, die der Angleichung aller EU-Mitgliedsstaaten
dienen sollen. Darüber hinaus fehlt Geld für Bücher und
Mensen und Studierendenwohnheime sollen privatisiert betrieben werden.
Initiativen von Studierenden engagieren sich für kostenloses Mensaessen,
wobei Besetzungen der Mensen und kostenlose Essenausgaben gängige
Aktionsformen sind.
Soziale Unterschiede in den Lebensbedingungen und Existenzmöglichkeiten
werden bei diesen Modernisierungsreformen nicht berücksichtigt.
Die Begrenzung auf eine Maximalstudienzeit nimmt finanziell schlechter
ausgestatteten Studierenden die Möglichkeit, durch Nebenjobs das
Studium zu finanzieren. Reiche Eltern oder ein eigenes Vermögen
bieten somit die einzige Möglichkeit, das Studium in vorgeschriebener
Zeit zu absolvieren, denn ein Sozialsystem für Zuzahlungen zur
Krankenversicherung oder BAföG-Unterstützung gibt es in Griechenland
nicht. Auch das muss von den Studierenden selbst finanziert werden -
neben Studiengebühren, Wohnung und Büchern.
Zahlreich waren daher die Protestaktionen der Studierenden im Lauf der
letzten Jahre: Die Reformer sind wirtschaftsorientiert und haben nichts
mit Verbesserung der Bildung zu tun. Universitäten müssen
in öffentlicher Hand bleiben und kostenlos sein, damit jeder die
gleiche Chance bekommt.
Seit 2006 sind Professorinnen und Studierende in Griechenland im Dauerstreik.
Die Proteste richteten sich gegen die geplanten Änderungen der
Hochschulgesetzgebung.
Obwohl im Artikel 16 der griechischen Verfassung der Staat als Alleinverantwortlicher
für allgemeine und kostenfreie Bildung benannt ist, werden im Zuge
der Reformen zunehmend private Hochschulen zugelassen und ihre Abschlüsse
den staatlichen gleichgestellt werden.
Die aktuellen Ausschreitungen sind also nur in einer Reihe mit den vorangegangenen
Protesten zu verstehen. Auch wenn das internationale Medieninteresse
nach einem kurzen Aufwind wieder nachgelassen hat, ist die Situation
in Griechenland weiter aufgeheizt. Die Empörung über die mangelnden
Angaben zu den Untersuchungen über den Tod des jungen Schülers
steigern die Unzufriedenheit der Bevölkerung. In einer Umfrage
der Tageszeitung »Kathimerini« bezeichnete die Mehrheit
der befragten Griechen und Griechinnen die Proteste als »Volksaufstand«.
Die Ausschreitungen werden als die größten seit der Niederschlagung
der Militärdiktatur 1974 benannt.
Trotz allem schreiten die vermeintlichen Bildungsmodernisierungen voran
und somit gehen die Proteste weiter. Vielerorts gibt es Aktionen von
Studierenden gegen die Reformen. Es ist noch nicht vorbei.
Agnes-Laura Kasepidou (Schülerin):
Gemäß dem griechischen Schulsystem finden ab der siebten
Klasse am Ende jedes Schuljahres zentrale Prüfungen statt, in denen
der behandelte Stoff des ganzen Jahres abgefragt wird. Diese Prüfungen
werden in jeder Schule abgelegt und sie sind Pflicht um einen anerkannten
Schulabschluss zu bekommen. Der Erfolg dieser Prüfungen sicherte
jedoch nicht den Zugang zur Universität. Um dort aufgenommen zu
werden, mussten erneut Prüfungen, die sogenannten »Panhellenischen«
abgelegt werden, welche außerhalb der Schule stattfanden. Diese
Prüfungsklausuren wurden von einem Zentralprüfungsausschuss
korrigiert. Fast alle Schüler besuchten parallel zum Schulunterricht
zusätzlichen privaten Unterricht, an den überall in Griechenland
verbreitete »Frontistirien«. Das heisst, dass die Schüler
nachmittags nach dem regulären Unterricht weiteren Nachhilfeunterricht
besuchen. Dies war sehr anstrengend und zeitaufwendig für die Schüler,
da sie oft noch bis zu fünf Stunden in den »Frontistirien«
verbrachten. Diese Tatsache hat sich auch aufgrund des neuen Schulsystems
nicht geändert. Der private Unterricht hat sich sogar noch mehr
verbreitet, weil sich mit dem neuen System die zentralen Prüfungsfächer
vermehrt haben. (...)
Quelle: www.dst.gr/deutsch/ereignisjugendschreibt
Melina Giannis (Schülerin):
6 Jahre Grundschule, dann noch 6 Jahre Gymnasium. Ein Riesennachteil
des griechischen Schulsystems ist, dass hier noch viel mehr Frontalunterricht
gemacht wird. Auf Diskussionen und mündliche Beiträge wird
nicht viel Wert gelegt. Die Hausaufgaben bestehen vor allem im Auswendiglernen
irgendwelcher Texte, die dauernd abgefragt werden. Allein schon mit
den Hausaufgaben kann man also sehr viel Zeit verplempern, dazu kommt
aber noch die Tatsache, dass 95% der Schüler nachmittags zur »Nachhilfe«
gehen, auch wenn sie gute Noten haben. Dort lernen sie entweder neue
Sprachen, vertiefen den erlernten Stoff oder lernen das, was da noch
kommen wird, um dann glänzen zu können. Das alles geht von
den Eltern aus, und es ist, mit zwei Worten beschrieben, ein ScheißSystem!
Quelle: www.kretaforum.eu/archive/index.php/t-513
Polizeieinsätze mit bitterem Beigeschmack:
Zur Geschichte der universitären Schutzzone in Griechenland
JEinzigartig in seiner Art, verbietet ein Gesetz in Griechenland der
Polizei den Campus zu betreten. Außer im Fall von schweren Straftaten,
die vom Campus ausgehen, ist der polizeiliche Zutritt zum Universitätsgelände
rein rechtlich nicht gestattet. Seit 1973 ist dies nur zweimal passiert:
Anfang der 8oer und Anfang der 9oer Jahre. Zu Beginn der 8oer waren
die Unruhen der Grund für die Stürmung, die ausgelöst
wurden, weil Polizisten einen 15-Jährigen erschossen - wie am 6.12.2008.
Allerdings wird oft Zivilpolizei auf dem Campus gesehen, die sich ein
Bild der Lage machen will. Das Gesetz, durch das seit mehr als dreißig
Jahren Universitätsgebäude und Studierendenheime als Schutzzone/Asyl
-sprich polizeifreier Raum- gelten, geht auf die Ereignisse vom Ende
der Militärdiktatur zurück.
Im November 1973 entglitt der Militärregierung die Kontrolle und
die Polizei griff an. Demonstrantinnen setzten sich gegen die prügelnden
Polizeieinheiten zur Wehr und schon bald lieferten sich Zehntausende
Straßenschlachten mit der Polizei. Am Abend des 16.11.1973 wurden
Panzerfahrzeuge mit Tränengas eingesetzt. Als Demonstrantinnen
das Ministerium für öffentliche Ordnung besetzten, wurden
die ersten Protestierenden getötet. Im Zentrum von Athen entstanden
Barrikaden aus umgestürzten Autos. Die Polizei schoss nun gezielt
auf Köpfe und Oberkörper der Demonstrantinnen. Die aus verschiedenen
Richtungen kommenden Panzer überrollten die mit Menschen besetzten
Barrikaden und Soldaten schossen mit Maschinengewehren in die Menge.
In der Nacht zum 17. November 1973 griffen die Panzer das Polytechnion,
die Technische Universität Athens, an. Um drei Uhr früh, nachdem
die städtische Beleuchtung ausgeschaltet worden war, drückte
ein Panzer das schwere Eisentor des Gebäudes ein und zerquetschte
dabei mehrere Besetzerlnnen. Beim Kampf um das Uni-Gebäude wurden
nach offiziellen Angaben mindestens 34 Demonstrantinnen getötet,
halboffiziell wurden 8o Tote eingeräumt. Weitere Schätzungen
von Beteiligten gehen von 200 Toten, 800 Verletzten und zwischen looo
und 2000 Inhaftierten, die in die Foltergefängnisse der Asfalia
(Staatsschutz) gebracht wurden.
Das Land wurde unter Kriegsrecht gestellt und der Widerstand war endgültig
gebrochen. Die Universitäten blieben auf unbestimmte Zeit geschlossen
und viele Studierende gingen aus Angst vor Verhaftungen in den Untergrund.'
1974, ein Jahr nach dem Studierendenaufstand wurde die Militärdiktatur
dann gestürzt. Das zerstörte Metalltor von 1973 liegt als
Mahnung bis heute hinter dem neuen Zaun der Polytechnion Universität
in Athen.
Die Entscheidung, ob das Universitätsgelände gestürmt
wird oder nicht, ist zumeist eine rein politische. Aufgrund der historischen
Ereignisse hat eine Stürmung auch immer den Beigeschmack von 1973.
Dadurch könnten sich Sozialistinnen, Kommunistinnen und Gewerkschaften
schnell mit den Studierenden solidarisieren und so größeren
Unmut in der Bevölkerung entfachen, dem die Polizei ohne militärische
Hilfe quantitativ nicht gewachsen wäre.
Gleichzeitig haben Professorinnen in Griechenland, anders als in Deutschland,
ein Streikrecht. Die Polizei kann nur auf einstimmigen Beschluss eines
dreiköpfigen Gremiums, in dem neben einem/einer Hochschullehrerln.
und dem/der Leiterin der Hochschule auch ein/e StudierendeR vertreten
ist, das Universitätsgelände betreten.
Aus besetzten Hochschulen heraus werden zahlreiche Veranstaltungen und
Protestaktionen organisiert. Oft verteilen dann Gruppen von Studierenden
vor den Hochschulen Flugblätter an Passantinnen. Besetzungen von
Universitätsgebäuden haben somit eine geschichtlich historische
Relevanz, um die Dringlichkeit von Anliegen zu unterstreichen.
1 Revolution und Konterrevolution in Griechenland, Hrsg:
Arbeitsgruppe Marxismus., Wien 2005, S.388tf