Juni 2006 Neues Deutschland
Landesweiter Streik für den Erhalt des staatlichen Bildungsmonopols
Bei den derzeitigen Hochschulprotesten in Griechenland arbeiten Lernende
und Lehrende Hand in Hand.
Von Anke Stefan, Athen
Beinahe täglich werden in den griechischen
Medien derzeit Zusammenstöße zwischen Polizei und Studierenden
gemeldet. Bei den größten Studierendenprotesten der letzten
Jahre geht die Polizei mit ungewöhnlicher Brutalität vor.
Mit massivem Einsatz von Tränengas und ohne ersichtlichen Grund
griffen Beamte der Sondereinheiten letzte Woche mehrmals vor dem Bildungsministerium
in Athen demonstrierende Studierende an. Bei gleichzeitigen Studierendenprotesten
in der auf Kreta gelegenen Stadt Chania wurden mehrere Demonstranten
von der Polizei verletzt und mussten im Krankenhaus behandelt werden.
Entsprechend aufgeladen war letzten Donnerstag die Stimmung auf der
Generalversammlung der Universitätsbesetzer in Athen. „Wir
werden uns nicht unterkriegen lassen, wenn nötig stehen wir jeden
Tag wieder vor dem Ministerium“ fasste ein Sprecher die Meinung
der Anwesenden zusammen.
Streiks und Universitätsbesetzungen gehören seit Jahren zum
griechischen Alltag. Immer wieder protestieren Lehrende und Lernende
gegen die chronische Unterfinanzierung der staatlichen Bildungseinrichtungen
und geplante Beschneidungen der universitären Selbstbestimmung.
Dieses Jahr aber soll es der staatlichen Bildung allgemein an den Kragen
gehen. Im Zuge einer für den Sommer angesetzten Verfassungsänderung
plant eine große Koalition aus regierender Nea Dimokratia und
oppositioneller PASOK gegen die Stimmen der beiden linken Parlamentsparteien
die Abschaffung des staatlichen Bildungsmonopols.
Doch auch der Widerstand dagegen stützt sich auf eine große
Koalition. Was Mitte Mai mit sporadischen Besetzungen einiger Hochschulen
begann ist inzwischen zu einer landesweiten Front bestreikter Hochschulen
gewachsen. Lernende und Lehrende arbeiten dabei Hand in Hand.
Mit Megafon statt Mikrofon ausgestattet berichteten Abgesandte aller
besetzen Hochschulen der Landeshauptstadt von ihren Plänen und
Erfahrungen. Dass dabei wie ein Mantra immer wieder die Kampfbereitschaft
gegen die geplante Einführung privater Hochschulen betont wird,
findet Athina Mastoroudimou von der Panteion Uni völlig in Ordnung.
„Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass alle Studierendenvertretungen
in dieser Frage an einem Strang ziehen.“
Bis auf die studentischen Anhänger der Nea Dimokratia sind bei
den diesjährigen Protesten alle dabei, wenn auch mit unterschiedlichem
Einsatz. Die Hauptkraft bei den Universitätsbesetzungen stellen
Mitglieder der von außerparlamentarischen K-Gruppen dominierten
Studierendenfraktion EAAK. Aber auch die Studierendenvertretung der
PASOK hält verschiedene Institute besetzt. Im Gegensatz zu ihrer
Mutterpartei will die PASP am staatlichen Bildungsmonopol festhalten.
Die Studierendenfraktion der Kommunistischen Partei hat zwar die gleichen
Forderungen, beteiligt sich aber derzeit nicht an den Universitätsbesetzungen,
sondern setzt auf eine Koalition mit der Arbeiterklasse. Ihre Protestaktionen
veranstaltet die PKS gemeinsam mit der kommunistisch orientierten Gewerkschaftsfront
PAME.
Die Rahmenbedingungen für Universitätsproteste sind in Griechenland
bedeutend günstiger als im derzeit ebenfalls von Studierendenprotesten
gezeichneten Deutschland. Die mit dem Streikrecht ausgestatteten griechischen
Professoren der meisten Universitäten des Landes haben seit Beginn
des Monats einen Dauerstreik ausgerufen. Gleichzeitig halten Studierende
mehr als dreihundert Institute an über 200 universitären Einrichtungen
des Landes besetzt. Während ihre Kommilitonen in Deutschland bei
gleichartigen Aktionen regelmäßig von der Polizei geräumt
werden, gilt in Griechenland ein Universitätsasyl, das die Zustimmung
der Studierenden für ein Eindringen der Polizei erfordern würde.
„Natürlich sperren wir auch schon mal die Tore zur Uni mit
Ketten und Vorhängeschlössern ab“, meint Vasso, die
an der Panteion Universität gemeinsam mit einigen Dutzend Studierenden
Nachtwache schiebt. Solche Sicherheitsmaßnahmen gelten aber weniger
der Staatsmacht als vielmehr den mit den Protesten nicht einverstandenen
studentischen Anhängern der Regierungspartei.
Dass auch das Hochschulasyl im Zuge der geplanten Gesetzesänderung
eingeschränkt werden soll, ist für die Mehrheit der Studierenden
das Schlimmste, was ihnen passieren könnte. „Sondereinsatzkommandos
und Gewalt sind keine Bildungsmethoden“ hatten die Protestierenden
den bis an die Zähne bewaffneten Polizeibeamten vor dem Bildungsministerium
entgegengeschleudert. Noch kurz bevor diese mit Tränengas angriffen...
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